<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.april16archive.org/items/browse/tag/lektion?output=omeka-xml" accessDate="2026-06-09T08:07:50+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>1</pageNumber>
      <perPage>20</perPage>
      <totalResults>1</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="637" public="1" featured="0">
    <itemType itemTypeId="1">
      <name>Document</name>
      <description>A resource containing textual data.  Note that facsimiles or images of texts are still of the genre text.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Contributor</name>
            <description>An entity responsible for making contributions to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="1965">
                <text>Adriana Seagle</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="42">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="3856">
                <text>Gregor Hens</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="43">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="5834">
                <text>2007-07-01</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="44">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="7712">
                <text>&lt;a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887"&gt;Gregor Hens&lt;/a&gt;&#13;
20.04.2007 00:00 Uhr &#13;
 &#13;
Anzeige WÃ¤hrend der Ãœbung piepst ein Telefon. Ich werfe einen genervten Blick in die Richtung, aus der der Ton gekommen ist. Es piepst noch einmal - derselbe Student. Ich sehe jetzt, wie er seine SMS liest, und bitte ihn, das Handy auszuschalten. Er sagt, es ist etwas Schreckliches passiert. Er geht raus. Ich mache mit dem Unterricht weiter. In der Pause dann die Nachricht, auf die wir alle irgendwie lÃ¤ngst gewartet haben. Dass ein Massaker an einer UniversitÃ¤t verÃ¼bt worden ist, die Rede ist von 28 Toten. SpÃ¤ter erfahren wir, dass es mehr sind. Es war nur eine Frage der Zeit, sagt jemand. So etwas musste ja mal passieren. Stille. Irgendwie scheinen wir sehr gefasst. Keiner rÃ¼hrt sich.&#13;
&#13;
Aber nein, sagt eine junge Frau in die Stille hinein, diese AmoklÃ¤ufe in den Highschools hatten etwas mit dem Alter zu tun. Mit fÃ¼nfzehn, sechzehn, da kommt man vielleicht auf solche Ideen. Wegen der PubertÃ¤t und so, den Ã„ngsten und Obsessionen der Jugend. Aber an einer UniversitÃ¤t, damit konnte niemand rechnen.&#13;
&#13;
Ich mÃ¶chte einwenden: Ihr seid ja selbst noch so jung. Ihr wirkt wie Jugendliche auf mich. Was weiÃŸ ich, was in euren KÃ¶pfen vorgeht, worÃ¼ber ihr redet, was ihr fÃ¼r Filme schaut, wie es um eure Hormone steht. Eure Welt ist mir sehr fremd. Ihr riecht wie Kinder. Diesen Gedanken behalte ich lieber fÃ¼r mich. &#13;
&#13;
Vielleicht, schlÃ¤gt jemand vor, sind die SchÃ¼ler, die vor ein paar Jahren in den Highschools gewesen sind, jetzt einfach im Studium angekommen. Und bringen die Gewalt mit. Eine Art Generation Columbine, die erwachsen geworden ist.&#13;
&#13;
Es hat schon mal sowas gegeben, in Texas, sagt einer, der sonst nie etwas sagt. Nichts Vergleichbares allerdings. Ein Typ klettert auf einen Glockenturm, legt an und spielt den ScharfschÃ¼tzen. FÃ¼nfzehn Tote. Aber das ist schon lange her.&#13;
&#13;
Langsam entsteht so etwas wie ein GesprÃ¤ch. Der Student mit dem Handy ist wieder da, er hat Freunde an dieser Uni, sagt er. Niemandem scheint etwas passiert zu sein. Der SchÃ¼tze in Texas damals, er hieÃŸ Whitman, hÃ¶re ich, Charles Whitman.&#13;
&#13;
Meint ihr nicht, dass es mit den Waffengesetzen zusammenhÃ¤ngt? Es ist so einfach in diesem Land, an Waffen zu kommen. Du gehst in einen Laden und zeigst deinen FÃ¼hrerschein her und kaufst dir ein Arsenal zusammen fÃ¼r deinen privaten kleinen Krieg.&#13;
&#13;
Eine Studentin in der ersten Reihe sieht das anders. Sie meint, das Schlimme sei, dass jetzt die EuropÃ¤er wieder einen Anlass hÃ¤tten, den Amerikanern ihre Waffengesetze vorzuhalten. Jetzt kÃ¶nnen die sich wieder Ã¼ber uns lustig machen, sagt sie, weil wir so dumm sind, unsere Verfassung zu ehren, unsere Traditionen. Dabei geht es um etwas ganz anderes. Sie nimmt diesen Einwand vorweg, denke ich. Meinen Einwand. Ich bin der EuropÃ¤er. Ich bin gemeint. Wir spielen ein Spiel, wie eine SchacherÃ¶ffnung: Beide Seiten wissen lÃ¤ngst, welche MÃ¶glichkeiten der Fortsetzung es gibt. Also lassen wir das. Mir geht es im Moment nicht darum, diese Leute von irgendetwas zu Ã¼berzeugen. Worum geht es denn? Sollen wir uns auch bewaffnen? Sollen wir uns rund um die Uhr bewachen lassen? Metalldetektoren ... das funktioniert alles gar nicht, das stÃ¶rt den ganzen Betrieb, die AblÃ¤ufe hier, schau dir den Campus doch an. Dieser AmoklÃ¤ufer hatte offenbar ein psychisches Problem. Und ...?&#13;
&#13;
NatÃ¼rlich hatte er das, wirft jemand ein. Wie so viele andere Studenten auch. Jeder von uns kennt doch jemanden, der Antidepressiva nimmt. Sind nicht alle MÃ¶rder, oder? Potenzielle MÃ¶rder? Vielleicht sollte man jeden Studienbewerber erst psychologisch untersuchen lassen. War das jetzt Sarkasmus?, frage ich mich. Das wÃ¤re allerdings etwas ganz Neues. &#13;
&#13;
Die meisten der Opfer, lese ich spÃ¤ter, saÃŸen in einem Deutschkurs, zweites Semester. Der Dozent, Jamie Bishop, wurde auch erschossen. Aber eigentlich ist es ein Angriff eines Studenten auf seine Kommilitonen - eine Strafaktion, eine Exekution. Ich behaupte, weil jemand das Thema anspricht, Videospiele funktionieren doch anders: Da wird gekÃ¤mpft, es geht um bestimmte Fertigkeiten, um Strategien, da kann man nicht einfach Leute an die Wand stellen und niedermÃ¤hen. (Das Vokabular, das wir fÃ¼r diese Dinge haben.)&#13;
&#13;
Haben Sie eine Ahnung, sagt einer. An seiner Halskette baumelt ein silbernes Kreuz. Ich weiÃŸ es nicht. Ich habe keine ErklÃ¤rungen, nichts, das hilft. Ich hÃ¶re einfach zu. Morgen um 15 Uhr ist fÃ¼r den gesamten Campus eine Schweigeminute angeordnet, heiÃŸt es in einer E-Mail aus dem BÃ¼ro des UniversitÃ¤tsprÃ¤sidenten. Im Land fliegen die Flaggen auf Halbmast.&#13;
&#13;
Es gibt im Amerikanischen diesen Ausdruck: going postal. Weil ziemlich viele AmoklÃ¤ufer etwas mit der Post zu tun hatten. Es gab einige spektakulÃ¤re FÃ¤lle - gefeuerte BrieftrÃ¤ger, die mit halbautomatischen Waffen auf ehemalige Kollegen und Vorgesetzte losgegangen sind. In dem Ausdruck offenbart sich unsere ganze Hilflosigkeit, denn er liefert eine ScheinerklÃ¤rung, ein vermeintliches Muster. Er verhÃ¶hnt jeden, der wirklich wissen will, wieso es immer wieder passiert.&#13;
&#13;
Vielleicht trifft es uns so, weil die Ohio State University, an der ich seit vielen Jahren unterrichte, einige Ã„hnlichkeit mit der Uni in Virginia hat. Die Studenten entstammen grÃ¶ÃŸtenteils der Mittelschicht. Der Campus ist riesig und offen. Man kann durchfahren. Es gibt Stellen, an denen man kaum weiÃŸ: Bin ich schon drinnen oder nicht? Kein Tor, an dem man kontrolliert wird. Jeder kann hier rumlaufen. Kaum eine TÃ¼r ist abgeschlossen. Ganz sicher habe ich mich nie gefÃ¼hlt, dabei bin ich kein Ã¤ngstlicher Mensch.&#13;
&#13;
Pro Jahr werden in der Stadt - sie hat etwa siebenhunderttausend Einwohner - um die hundert Morde verÃ¼bt. Auch auf dem Campus gibt es immer wieder Ãœbergriffe: Mord, RaubÃ¼berfall, Vergewaltigung. Letztes Jahr ist einer spurlos verschwunden, unter mysteriÃ¶sen UmstÃ¤nden. An allen Ecken stehen beleuchtete Notrufboxen. Es gibt eine Dienststelle, die man anrufen kann, um sich nach Einbruch der Dunkelheit eine bewaffnete Eskorte zu bestellen. Wenn man etwa vom Sportzentrum, das bis Mitternacht geÃ¶ffnet hat, zur Bushaltestelle kommen will. &#13;
&#13;
Ich habe immer geglaubt, dass es zuerst die Lehrenden treffen wird. Dass ein Student, der bei einer PrÃ¼fung durchgefallen ist, durch ein BÃ¼rogebÃ¤ude geht, von TÃ¼r zu TÃ¼r, und uns alle abknallt. Wir sind vollkommen wehrlos - sitting ducks. Noch so ein Ausdruck aus der amerikanischen Waffenkultur. Nichts ist einfacher, als eine brÃ¼tende Ente abzuschieÃŸen, weil sie sich nicht vom Fleck bewegt, egal, wie groÃŸ die Gefahr ist. Vielleicht fahre ich deshalb dann und wann zu der SchieÃŸanlage in New Albany, miete mir eine Glock 17, setze mir den Ohrenschutz auf und verschieÃŸe eine Packung Patronen. Neun Millimeter. Es ist eigentlich gar nichts dabei. Was immer wieder hochkommt, ist Kent State, eine kleine Uni ganz in der NÃ¤he. Am 4. Mai 1970 erschossen Nationalgardisten vier Studenten, die gegen den Einmarsch in Kambodscha demonstriert hatten. Es war der Anfang vom Ende des Vietnamkriegs. Wir sind ein bisschen stolz darauf, dass es in Ohio passiert ist.&#13;
&#13;
Gerade kommt das nÃ¤chste Bulletin Ã¼bers Netz: Die stÃ¤dtische Polizei und die UniversitÃ¤tspolizei - wie die meisten amerikanischen Unis haben auch wir eine eigene Einheit, mit eigenen Wagen, einem Logo und einer Website - versichern in einer ErklÃ¤rung, dass sie auf eine Situation wie die an der Virginia Tech vorbereitet sind. â€žUnser Einsatzteam wÃ¼rde sofort stÃ¼rmen und den AmoklÃ¤ufer auÃŸer Gefecht setzen", wird ein Sergeant zitiert. &#13;
&#13;
Die Studenten reden. Endlich einmal. Sie diskutieren sonst zu wenig, streiten sich nie. Ãœber Kontroverses spricht man nicht. Ich finde sie immer etwas apathisch. Heute hat jeder eine Meinung. Es geht um ihr Leben. Sie sind es, die zurÃ¼ck in diese zwÃ¶lfstÃ¶ckigen Wohnheime auf der SÃ¼dseite mÃ¼ssen. Ich setze mich am Abend ins Auto und fahre nach Hause.&#13;
&#13;
Der Schriftsteller Gregor Hens ist Professor fÃ¼r Germanistik an der Ohio State University in Columbus. Zuletzt erschien von ihm im S. Fischer Verlag der Roman â€žIn diesem neuen Licht" . &#13;
&#13;
--&#13;
&#13;
UrsprÃ¼ngliche Quelle: Der Tagesspiegel  &#13;
&lt;a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887"&gt;http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887&lt;/a&gt; </text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="47">
            <name>Language</name>
            <description>A language of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="9683">
                <text>deu</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Rights</name>
            <description>Information about rights held in and over the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="11667">
                <text>Gregor Hens (hens.1@osu.edu)</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="53">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="13115">
                <text>Lektion Ã¼ber die Angst</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="753">
        <name>lektion</name>
      </tag>
      <tag tagId="754">
        <name>studenten</name>
      </tag>
      <tag tagId="752">
        <name>universitt</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
</itemContainer>
