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    <title><![CDATA[The April 16 Archive]]></title>
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    <description><![CDATA[]]></description>
    <pubDate>Tue, 18 Jun 2013 19:04:30 -0400</pubDate>
    <managingEditor>admin@april16archive.org (The April 16 Archive)</managingEditor>
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      <title><![CDATA[Lektion über die Angst]]></title>
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      <description><![CDATA[<div class="element-set">
    <h2>Dublin Core</h2>
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        <h3>Title</h3>
                                    <div class="element-text">Lektion &uuml;ber die Angst</div>
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        <h3>Subject</h3>
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            <div id="dublin-core-description" class="element">
        <h3>Description</h3>
                                    <div class="element-text">&lt;a href=&quot;http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887&quot;&gt;Gregor Hens&lt;/a&gt;<br />
20.04.2007 00:00 Uhr <br />
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Anzeige W&auml;hrend der &Uuml;bung piepst ein Telefon. Ich werfe einen genervten Blick in die Richtung, aus der der Ton gekommen ist. Es piepst noch einmal - derselbe Student. Ich sehe jetzt, wie er seine SMS liest, und bitte ihn, das Handy auszuschalten. Er sagt, es ist etwas Schreckliches passiert. Er geht raus. Ich mache mit dem Unterricht weiter. In der Pause dann die Nachricht, auf die wir alle irgendwie l&auml;ngst gewartet haben. Dass ein Massaker an einer Universit&auml;t ver&uuml;bt worden ist, die Rede ist von 28 Toten. Sp&auml;ter erfahren wir, dass es mehr sind. Es war nur eine Frage der Zeit, sagt jemand. So etwas musste ja mal passieren. Stille. Irgendwie scheinen wir sehr gefasst. Keiner r&uuml;hrt sich.<br />
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Aber nein, sagt eine junge Frau in die Stille hinein, diese Amokl&auml;ufe in den Highschools hatten etwas mit dem Alter zu tun. Mit f&uuml;nfzehn, sechzehn, da kommt man vielleicht auf solche Ideen. Wegen der Pubert&auml;t und so, den &Auml;ngsten und Obsessionen der Jugend. Aber an einer Universit&auml;t, damit konnte niemand rechnen.<br />
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Ich m&ouml;chte einwenden: Ihr seid ja selbst noch so jung. Ihr wirkt wie Jugendliche auf mich. Was wei&szlig; ich, was in euren K&ouml;pfen vorgeht, wor&uuml;ber ihr redet, was ihr f&uuml;r Filme schaut, wie es um eure Hormone steht. Eure Welt ist mir sehr fremd. Ihr riecht wie Kinder. Diesen Gedanken behalte ich lieber f&uuml;r mich. <br />
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Vielleicht, schl&auml;gt jemand vor, sind die Sch&uuml;ler, die vor ein paar Jahren in den Highschools gewesen sind, jetzt einfach im Studium angekommen. Und bringen die Gewalt mit. Eine Art Generation Columbine, die erwachsen geworden ist.<br />
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Es hat schon mal sowas gegeben, in Texas, sagt einer, der sonst nie etwas sagt. Nichts Vergleichbares allerdings. Ein Typ klettert auf einen Glockenturm, legt an und spielt den Scharfsch&uuml;tzen. F&uuml;nfzehn Tote. Aber das ist schon lange her.<br />
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Langsam entsteht so etwas wie ein Gespr&auml;ch. Der Student mit dem Handy ist wieder da, er hat Freunde an dieser Uni, sagt er. Niemandem scheint etwas passiert zu sein. Der Sch&uuml;tze in Texas damals, er hie&szlig; Whitman, h&ouml;re ich, Charles Whitman.<br />
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Meint ihr nicht, dass es mit den Waffengesetzen zusammenh&auml;ngt? Es ist so einfach in diesem Land, an Waffen zu kommen. Du gehst in einen Laden und zeigst deinen F&uuml;hrerschein her und kaufst dir ein Arsenal zusammen f&uuml;r deinen privaten kleinen Krieg.<br />
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Eine Studentin in der ersten Reihe sieht das anders. Sie meint, das Schlimme sei, dass jetzt die Europ&auml;er wieder einen Anlass h&auml;tten, den Amerikanern ihre Waffengesetze vorzuhalten. Jetzt k&ouml;nnen die sich wieder &uuml;ber uns lustig machen, sagt sie, weil wir so dumm sind, unsere Verfassung zu ehren, unsere Traditionen. Dabei geht es um etwas ganz anderes. Sie nimmt diesen Einwand vorweg, denke ich. Meinen Einwand. Ich bin der Europ&auml;er. Ich bin gemeint. Wir spielen ein Spiel, wie eine Schacher&ouml;ffnung: Beide Seiten wissen l&auml;ngst, welche M&ouml;glichkeiten der Fortsetzung es gibt. Also lassen wir das. Mir geht es im Moment nicht darum, diese Leute von irgendetwas zu &uuml;berzeugen. Worum geht es denn? Sollen wir uns auch bewaffnen? Sollen wir uns rund um die Uhr bewachen lassen? Metalldetektoren ... das funktioniert alles gar nicht, das st&ouml;rt den ganzen Betrieb, die Abl&auml;ufe hier, schau dir den Campus doch an. Dieser Amokl&auml;ufer hatte offenbar ein psychisches Problem. Und ...?<br />
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Nat&uuml;rlich hatte er das, wirft jemand ein. Wie so viele andere Studenten auch. Jeder von uns kennt doch jemanden, der Antidepressiva nimmt. Sind nicht alle M&ouml;rder, oder? Potenzielle M&ouml;rder? Vielleicht sollte man jeden Studienbewerber erst psychologisch untersuchen lassen. War das jetzt Sarkasmus?, frage ich mich. Das w&auml;re allerdings etwas ganz Neues. <br />
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Die meisten der Opfer, lese ich sp&auml;ter, sa&szlig;en in einem Deutschkurs, zweites Semester. Der Dozent, Jamie Bishop, wurde auch erschossen. Aber eigentlich ist es ein Angriff eines Studenten auf seine Kommilitonen - eine Strafaktion, eine Exekution. Ich behaupte, weil jemand das Thema anspricht, Videospiele funktionieren doch anders: Da wird gek&auml;mpft, es geht um bestimmte Fertigkeiten, um Strategien, da kann man nicht einfach Leute an die Wand stellen und niederm&auml;hen. (Das Vokabular, das wir f&uuml;r diese Dinge haben.)<br />
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Haben Sie eine Ahnung, sagt einer. An seiner Halskette baumelt ein silbernes Kreuz. Ich wei&szlig; es nicht. Ich habe keine Erkl&auml;rungen, nichts, das hilft. Ich h&ouml;re einfach zu. Morgen um 15 Uhr ist f&uuml;r den gesamten Campus eine Schweigeminute angeordnet, hei&szlig;t es in einer E-Mail aus dem B&uuml;ro des Universit&auml;tspr&auml;sidenten. Im Land fliegen die Flaggen auf Halbmast.<br />
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Es gibt im Amerikanischen diesen Ausdruck: going postal. Weil ziemlich viele Amokl&auml;ufer etwas mit der Post zu tun hatten. Es gab einige spektakul&auml;re F&auml;lle - gefeuerte Brieftr&auml;ger, die mit halbautomatischen Waffen auf ehemalige Kollegen und Vorgesetzte losgegangen sind. In dem Ausdruck offenbart sich unsere ganze Hilflosigkeit, denn er liefert eine Scheinerkl&auml;rung, ein vermeintliches Muster. Er verh&ouml;hnt jeden, der wirklich wissen will, wieso es immer wieder passiert.<br />
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Vielleicht trifft es uns so, weil die Ohio State University, an der ich seit vielen Jahren unterrichte, einige &Auml;hnlichkeit mit der Uni in Virginia hat. Die Studenten entstammen gr&ouml;&szlig;tenteils der Mittelschicht. Der Campus ist riesig und offen. Man kann durchfahren. Es gibt Stellen, an denen man kaum wei&szlig;: Bin ich schon drinnen oder nicht? Kein Tor, an dem man kontrolliert wird. Jeder kann hier rumlaufen. Kaum eine T&uuml;r ist abgeschlossen. Ganz sicher habe ich mich nie gef&uuml;hlt, dabei bin ich kein &auml;ngstlicher Mensch.<br />
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Pro Jahr werden in der Stadt - sie hat etwa siebenhunderttausend Einwohner - um die hundert Morde ver&uuml;bt. Auch auf dem Campus gibt es immer wieder &Uuml;bergriffe: Mord, Raub&uuml;berfall, Vergewaltigung. Letztes Jahr ist einer spurlos verschwunden, unter mysteri&ouml;sen Umst&auml;nden. An allen Ecken stehen beleuchtete Notrufboxen. Es gibt eine Dienststelle, die man anrufen kann, um sich nach Einbruch der Dunkelheit eine bewaffnete Eskorte zu bestellen. Wenn man etwa vom Sportzentrum, das bis Mitternacht ge&ouml;ffnet hat, zur Bushaltestelle kommen will. <br />
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Ich habe immer geglaubt, dass es zuerst die Lehrenden treffen wird. Dass ein Student, der bei einer Pr&uuml;fung durchgefallen ist, durch ein B&uuml;rogeb&auml;ude geht, von T&uuml;r zu T&uuml;r, und uns alle abknallt. Wir sind vollkommen wehrlos - sitting ducks. Noch so ein Ausdruck aus der amerikanischen Waffenkultur. Nichts ist einfacher, als eine br&uuml;tende Ente abzuschie&szlig;en, weil sie sich nicht vom Fleck bewegt, egal, wie gro&szlig; die Gefahr ist. Vielleicht fahre ich deshalb dann und wann zu der Schie&szlig;anlage in New Albany, miete mir eine Glock 17, setze mir den Ohrenschutz auf und verschie&szlig;e eine Packung Patronen. Neun Millimeter. Es ist eigentlich gar nichts dabei. Was immer wieder hochkommt, ist Kent State, eine kleine Uni ganz in der N&auml;he. Am 4. Mai 1970 erschossen Nationalgardisten vier Studenten, die gegen den Einmarsch in Kambodscha demonstriert hatten. Es war der Anfang vom Ende des Vietnamkriegs. Wir sind ein bisschen stolz darauf, dass es in Ohio passiert ist.<br />
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Gerade kommt das n&auml;chste Bulletin &uuml;bers Netz: Die st&auml;dtische Polizei und die Universit&auml;tspolizei - wie die meisten amerikanischen Unis haben auch wir eine eigene Einheit, mit eigenen Wagen, einem Logo und einer Website - versichern in einer Erkl&auml;rung, dass sie auf eine Situation wie die an der Virginia Tech vorbereitet sind. &bdquo;Unser Einsatzteam w&uuml;rde sofort st&uuml;rmen und den Amokl&auml;ufer au&szlig;er Gefecht setzen&quot;, wird ein Sergeant zitiert. <br />
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Die Studenten reden. Endlich einmal. Sie diskutieren sonst zu wenig, streiten sich nie. &Uuml;ber Kontroverses spricht man nicht. Ich finde sie immer etwas apathisch. Heute hat jeder eine Meinung. Es geht um ihr Leben. Sie sind es, die zur&uuml;ck in diese zw&ouml;lfst&ouml;ckigen Wohnheime auf der S&uuml;dseite m&uuml;ssen. Ich setze mich am Abend ins Auto und fahre nach Hause.<br />
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Der Schriftsteller Gregor Hens ist Professor f&uuml;r Germanistik an der Ohio State University in Columbus. Zuletzt erschien von ihm im S. Fischer Verlag der Roman &bdquo;In diesem neuen Licht&quot; . <br />
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Urspr&uuml;ngliche Quelle: Der Tagesspiegel  <br />
&lt;a href=&quot;http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887&quot;&gt;http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2141887&lt;/a&gt; </div>
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        <h3>Creator</h3>
                                    <div class="element-text">Gregor Hens</div>
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        <h3>Contributor</h3>
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      <pubDate>Sun, 01 Jul 2007 16:42:23 -0400</pubDate>
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